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NN/HA/LOKAL/LOKAL1 - Mo 28.02.2005 STADT NÜRNBERG

Kurztripp in die »Oasen der Ruhe«

Stadtführer entführten ihre Gäste an besondere Orte - Gestenreiche Spurensuche

VON ANDREAS FRANKE (Text) und STEFAN HIPPEL (Fotos)

Es gibt sie noch, die »Oasen der Ruhe« in der von Lärm und Hektik geplagten Großstadt. Acht besinnliche Orte in Nürnberg waren an diesem Wochenende lohnende Ziele beim »16. Weltgästeführertag«. »Die Stadtführer« im Verein der Nürnberger Gästeführer haben an beiden Tagen 1180 Neugierige in Kirchen oder Orden, hinter die Burg oder auf den Rochusfriedhof geleitet. Insgesamt 40 deutsche Städte und Regionen, von der Hallig Hooge im Norden bis München im Süden, nahmen an der Aktion teil. In Nürnberg aber gab es mit 51 Führungen nicht nur das größte Angebot. Auf dem zweitägigen Programm standen auch Führungen in fünf verschiedenen Fremdsprachen - und sogar, ebenfalls einmalig in Deutschland, in Gebärdensprache für gehörlose Teilnehmer.

Samstag am Hans-Sachs-Platz. Um 13.30 Uhr schart Thomas Ettl die kleine Gruppe unterhalb des Denkmals um sich. Es ist bitterkalt. Doch die Teilnehmer schauen ihn erwartungsvoll an. Sein Thema: Das Heilig-Geist-Spital, die Katharinenruine und die Aufbewahrungsorte der Reichskleinodien.

Es ist keine ganz normale Stadtführung. Die nächste Stunde geleitet der gelernte Elektriker seine Gruppe, unterstützt von Angela Bernschuh und ihrer Bildermappe, mit Gesten statt mit Worten zu den ausgewählten Zielen. Alle, Gästeführer wie Besucher, sind gehörlos. Sie verständigen sich über Gebärdensprache.

»Das ist wohl einmalig in Deutschland«, sagt Margot Lölhöffel vom Verein der Gästeführer. Seit einem Jahr bildet sie, selbst kenntnisreiche Stadtführerin, sechs Gehörlose als Gästeführer aus. Premiere für diese besonderen Rundgänge war 2004 bei den »Stadtverführungen«. Nächstes Jahr, zur Fußball-WM, sind sie fertig

Schatzsuche in der Stadt

»Für die Gehörlosen ist das wie eine Schatzsuche in der Stadtgeschichte«, sagte sie. Lölhöffel meint damit nicht nur die Touristenführer, sondern auch ihre Kunden. Denn kaum eine Stadt bietet solch einen Service an. Und die Ausbilderin, die nebenbei immer mehr von der Gebärdensprache lernt und damit auch in Lautsprache rückübersetzen kann, lobt ihre Schüler. »Die machen das ausgezeichnet.«

Sie selbst hat am Vormittag bereits eine sprechende Gruppe in die Egidienkirche mit ihren historisch bedeutsamen Kapellen und in das benachbarte Pellerhaus geführt. Artur Böhm schließt sich mit seiner Frau der Tour durch »Nürnbergs Nobelviertel - einst und heute« an. »Wir sind aus Darmstadt hergezogen und nutzen solche Angebote, um die Stadt besser kennen zu lernen«, erklärt er. Außerdem seien die Kapellen mit den vielen Kunstwerken sonst nicht zugänglich. Und sie sind eben auch: Oasen der Ruhe.

Mönche mit zweifelhaftem Ruf

In den kalten Räumen erfahren die Zuhörer viel über die jahrhundertealte Geschichte des Klosterstandortes St. Egidien. Schon wenige Jahrzehnte nach der Gründung (1140) gilt das Gemäuer als Sündenpfuhl. Besorgten Ehemännern, so Lölhöffel, sei geraten worden, ihre abwesenden Frauen doch mal bei den Mönchen zu suchen. Erst ein Abt aus der Oberpfalz habe der strengen Religiosität wieder Geltung verschafft.

Nebenan im Pellerhaus hört Karl Gläser aufmerksam zu, als Margot Lölhöffel vom Unternehmergeist von Martin Peller erzählt. »Der hat eine gute Rendite erwirtschaftet. Und trotzdem war er ein sozialer Firmenchef, der sich um die Arbeiter gekümmert hat«, bemerkt Gläser in Anspielung auf manch' heutige Firmenstrategie.

An gleicher Stelle wird einen Tag später die Japanerin Koko Kikuchi-Emmerling, ebenfalls Gästeführerin, 20 Landsleute durch das Haus und nebenan die Egidien-Kirche führen.

Doch zurück zum Hans-Sachs-Platz. Gebärdenführer Thomas Ettl erklärt gestenreich mit dem Handalphabet die abwechslungsreiche Geschichte der Heilig-Geist-Kirche, des früheren Katharinenklosters und der Reichskleinodien. Mit dem Mund bildet er deutlich Worte nach. Fotos, Darstellungen und Skizzen ergänzen seine Erläuterungen. Eine stille Stadtführung. Wie keine andere unterstreicht sie das Motto des Tages.

Für Uwe Nöller ist diese Führung willkommener Anschauungsunterricht. Er hat sich der Gruppe angeschlossen, weil er gerade zum Gebärdendolmetscher ausgebildet wird. Stadtgeschichte und Praxis außerhalb des Klassenzimmers.

Es gibt keine einheitliche Gebärdensprache in Deutschland, erklärt Lölhöffel. Nicht nur Dialekte fallen unterschiedlich aus. Auch lokale Besonderheiten müssen berücksichtigt werden. Da verständigt sich die Gruppe dann vor einer Stadtführung schon einmal darauf, wie man denn zum Beispiel Albrecht Dürer (abgesehen vom Handalphabet) darstellt. Man einigt sich auf seine lange Haarpracht, die mit beiden Händen nachgezogen wird.

Peter Vischer auf Ungarisch

Keine Verständigungsprobleme bei ihrer Führung hat am Sonntag Edit Pritsching. Sie geleitet eine kleine Gruppe über den Rochusfriedhof. Es ist noch eisiger als Samstag. Die gebürtige Ungarin, sie ist seit zwei Jahren ausgebildete Stadtführerin, erklärt in ihrer Landessprache unter anderem am Grab von Peter Vischer die Besonderheiten des alten Friedhofs.

Der Vorsitzende des Ungarischen Kulturvereins, Valentin Sighisorean, und Edina Szalai, folgen gespannt ihren Erklärungen. Sie sprechen auch Deutsch. »Doch eine Führung in unserer Landesprache ist etwas Besonderes«, sagt Szalai. Das haben sich eben ganz ähnlich auch die Gehörlosen gedacht bei ihrem Rundgang.

Eine kleine Gruppe Ungarn aus Nürnberg besichtigt den Rochus-Friedhof.
Die Japanerin Koko Kikuchi-Emmerling (vorne links) erklärt 20 Landsleuten die Besonderheit der Nürnberger Egidien-Kirche

Gestenreich leitet Thomas Ettl in Gebärdensprache seine Stadtführung für Gehörlose auf dem Hans-Sachs-Platz ein. Angela Benschuh (rechts) zeigt dazu Bilder.

 

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