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NN/HA/FEUI/FEUI9 - Mi 28.09.2005 NÜRNBERG EXTRA: KULTUR UND FREIZEIT IN NÜRNBERG

Puppe und Prozesse

Was erwarten Touristen beim Nürnberg-Besuch?

Knapp 100 000 Besucher aus der ganzen Welt kommen pro Jahr nach Nürnberg und lernen bei einer von rund 5000 Führungen aus dem Angebot der Congress- und Tourismuszentrale die Stadt kennen. Während sich die einen bei einem Spaziergang schlicht einen Eindruck verschaffen wollen, kommen andere mit gezielten Erwartungen an die Pegnitz. Ein Interview mit Margit Schmidt-Pikulicki, Vorsitzende des Vereins der Gästeführer und seit 18 Jahren Stadtführerin in Nürnberg.

Frau Schmidt-Pikulicki, woher kommen die Gäste, mit denen die Stadtführer Ihres Vereins durch Nürnberg touren?

Schmidt-Pikulicki: Am häufigsten kommen deutschsprachige Gäste. Im August sind die Italiener zu Hauf in Nürnberg . . . und Spanier. Über das ganze Jahr verteilt kommen englischsprachige Gäste, vorrangig Amerikaner. Gruppen aus Osteuropa haben oft ihren eigenen Reiseleiter dabei - der dann leider nicht selten schlicht aus einem Reiseführer abliest.

Unterscheiden sich die Erwartungen der einzelnen Nationalitäten bei einem Nürnberg-Besuch?

Schmidt-Pikulicki: Es ist zwar traurig, aber Nürnberg hat in der Welt zu allererst den Ruf, eine Stadt des Dritten Reichs zu sein. Die Prozesse assoziieren alle mit Nürnberg. In Italien sieht man Nürnberg als ganz graue Stadt, völlig reduziert auf die NS-Prozesse. Viele wollen den Schwurgerichtssaal sehen, oder zumindest das Gerichtsgebäude. Wenn dieser Punkt abgehakt ist, kann's weitergehen.

Hat Nürnberg also ein negatives Image?

Schmidt-Pikulicki: Ich glaube, bei vielen Besuchern hat die Stadt kein spezielles Image. Viele wissen nicht, was sie erwartet. Dann sind sie wie vom Donner gerührt angesichts der mittelalterlichen Gebäude. Insgesamt sind alle überrascht, dass Nürnberg so groß ist und es so viel zu sehen gibt.

Was wird noch mit Nürnberg verbunden?

Schmidt-Pikulicki: Puppen! Nicht Spielzeug, sondern die »Nürnberger Puppe«. Für Italiener und Schweizer ist das ein feststehender Begriff, obwohl es diese Puppe eigentlich nicht gibt. Bratwürste und Bier sind natürlich auch bekannt. Und Dürer: In Frankreich kennt man die »Betenden Hände«, für Ungarn und Spanier ist Albrecht Dürer ein großer Begriff.

Welche Rolle spielen Kultureinrichtungen wie das Germanische Nationalmuseum oder das Neue Museum?

Schmidt-Pikulicki: Viele Tschechen steuern bewusst das Germanische Nationalmuseum an. Entgegen der Klischees sind auch die Amerikaner oft sehr kunstinteressiert.

Nach welchen Sehenswürdigkeiten wird immer als erstes gefragt?

Schmidt-Pikulicki: Nach der Burg. Und Kirchen. Da gibt es eine lustige Geschichte: Meine italienische Kollegin geht mit Italienern in die Sebalduskirche. Dort fallen dann alle wie vom Stängele, als sie erfahren, dass es dort eine Pfarrerin gibt. Und wenn sie die Kirche besichtigt haben, fragen sie: Gehen wir jetzt auch in eine christliche Kirche? Weil es in Italien eben keine evangelischen Kirchen gibt.

Klammern Sie für manche Nationalitäten einzelne Stationen aus?

Schmidt-Pikulicki: Japaner sind mit Kirchen oft überfordert: Sie können das Christentum nicht einordnen. Mit Besuchern aus arabischen Ländern ist es schwierig, über das Judentum zu sprechen. Auf dem Reichsparteitagsgelände führt das gelegentlich sogar zu Hitler-freundlichen Äußerungen. Auch Chinesen können mit diesem Punkt der Geschichte kaum etwas anfangen.

Was beeindruckt die Besucher unerwartet stark?

Schmidt-Pikulicki: Gäste aus Ländern, die wenig Wasser und wenig Grün haben, stehen mit weit aufgerissenen Augen auf dem Johannisfriedhof. Und als ich einmal mit einer Gruppe Palästinenser und Israelis am Stadtpark vorbei fuhr, schrien plötzlich alle, dass sie aussteigen wollen: Sie wollten schlicht die Bäume sehen.

Interview: KRISTINA BANASCH

Margit Schmidt-Pikulicki, die 1. Vorsitzende der Gästeführer. F.: Orlowski
 

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