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NZ/HA/NPLUS/NPLUS1 - Di 06.09.2005

Neuer Stadtrundgang: »Die Altstadt im Abendlicht«

Zwischen Romantik und Gruselstimmung

»Die Altstadt im Abendlicht« lautet der viel versprechende Titel eines neuen Rundgangs, den der Verein »Die Stadtführer« anbietet. Neben stimmungsvollen Momenten, farbigen Sagen und heiteren Anekdoten aus der Nürnberger Stadtgeschichte gibt es bei diesem Rundgang aber auch grausige Geschichten für die wohlige Gänsehaut zwischendurch. So liest die Gästeführerin Irmhild Kappert etwa aus den Notizen des Henkers »Meister Franzen« vor: Der gute Mann fand zwischen seinen Terminen als Zungenabschneider und Kopf-Abhacker die Muße, sein abwechslungsreiches Arbeitsleben auch im Tagebuch festzuhalten

Aber der Reihe nach: Ausgangspunkt der Führung ist das Ochsenportal an der Fleischbrücke, wo sich die interessierten Teilnehmer immer Freitags um 20 Uhr treffen. Die Brücke hat ihren Namen daher, weil das gesamte Fleischkontingent für die Nürnberger Bevölkerung hier entlanggetrieben und dann im angrenzenden Fleischhaus verarbeitet wurde. Alles, was nicht zu gebrauchen war, landete sofort in der Pegnitz. Deshalb hat es hier früher bestimmt nicht gut gerochen. »Aber im Mittelalter«, sagt Kappert, »waren die Leute nicht so empfindlich.« Die Rinder hoffentlich auch nicht.

Während die Dämmerung langsam einsetzt, geht es über den Schleifersteg weiter zum Trödelmarkt. Friedlich plätschert der Fluss, festlich leuchtet der blaue Abendhimmel - doch früher war dies ein eher unpassender Ort für ein Rendezvous: Hier wurden einst Schweine geschlachtet, bevor der Platz dann voller Buden mit Krempel und Trendel stand. Aus diesen beiden Bezeichnungen für Trödel haben die Nürnberger übrigens das Wort »Trempelmarkt« kreiert.

Vor dem Henkersteg gibt es detailfreudige Kostproben aus dem Tagebuch des Henkers »Meister Franzen«, der dort im 16. Jahrhundert seine Dienstwohnung hatte. Sein offizieller Titel lautete »Nach-Richter«, denn das vielseitige Berufsbild beschränkte sich nicht nur auf das Erhängen von Schurken und Sündern. Franzen durfte auch Ohren abschneiden und Hände abhacken.

Der Meister galt jedoch als ausgesprochen humaner Henker, weil er etwa durchsetzte, dass seine weiblichen Opfer nicht länger ertränkt, sondern geköpft wurden - das geht schneller. Und nachdem er sich durch sein Handwerk zu einem ausgesprochenen Anatomie-Experten entwickelt hatte, durfte Franzen später sogar als Arzt praktizieren. Gelernt ist gelernt.

Etwas romantischer wird es auf dem Unschlittplatz, wo der Dudelsackpfeifferbrunnen steht. Aus vier Öffnungen des Instruments sprudelt ein beleuchteter Wasserstrahl. Doch auch hinter diesem schönen Motiv verbirgt sich eine schaurige Geschichte.

Kleines Nickerchen auf dem Pestkarren

Der Dudelsackpfeiffer landete zur Zeit der Pest einst nach einer Sauftour im Straßengraben und schlief dort ein. Deshalb hielt ihn der Fahrer eines Pestkarens irrtümlich für eine Leiche und ludt ihn auf. Als der Musiker erwachte, konnte er vor lauter Panik gar nicht um Hilfe schreien - also blies er in sein Instrument und erschreckte den Fahrer mit diesem elenden Getröte fast zu Tode.

Nach einem Blick auf das Haus am Unschlittplatz Nr. 8, vor dem Kaspar Hauser im Jahre 1828 erstmals gesichtet wurde, geht es dann über den Kettensteg zum Geiersberg. Auch dort steht ein kleiner Brunnen mit einem ungewöhnlichen Motiv: Ein Geier sitzt auf einem geschlagenen Lamm, aus dessen Maul das Brunnenwasser sprudelt.

»Der Geier füttert mit dem Blut des Lamms seine Jungen«, erklärt Irmhild Kappert. Diese Plastik ist ein Anklang an die Sage vom fürsorglichen Pelikan, der sich aus Mangel an Futter selbst mit dem Schnabel die Brust aufschlitzt und mit dem eigenen Blut seine Brut tränkt. Es ist also ein Motiv der Fürsorge und Nächstenliebe, das hier etwas eigenwillig interpretiert wurde. Aber Geier sind eben Pragmatiker, und wenn man schon gerade auf einem Lamm hockt, verfüttert man das natürlich lieber als sein eigenes Blut.

 

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