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Nunmehr 610 Jahre besteht der Schöne Brunnen am Hauptmarkt. Dies nahm der
Verein der Gästeführer Nürnbergs, »Die Stadtführer«, zum Anlass, das
Wahrzeichen ganz in den Mittelpunkt seiner Feierlichkeiten zum 10-jährigen
Gründungsjubiläum zu stellen und die vierzig Brunnenfiguren, die in vier Etagen
das Weltbild des Heiligen Römischen Reiches darstellen, für ein paar Stunden
zum Leben zu erwecken.
Die historisch gekleideten Stadtführerinnen und Stadtführer erzählten
interessierten Besuchern etwas über ihre Geschichte. So war beispielsweise
»Ambrosius«, Bischof von Mailand und ältester Kirchenvater des Brunnens, mit
glitzernder Goldrobe und Mitra anzutreffen. Stadtführerin Cinzia Marletta, die
ursprünglich aus Mailand stammt und seit drei Jahren ausschließlich
italienische Gruppen durch Nürnberg führt, hat ihr Kostüm wie viele ihrer
Kollegen selbst gebastelt.
Dem Besucher bot sich demnach eine bunte Vielfalt an phantasievollen
Kostümierungen, die sich die Stadtführerinnen und Stadtführer ausgedacht
hatten. Der »Kurfürst von der Pfalz« erschien beispielsweise eher modern und
beantwortete die Besucherfragen ganz in Rot mit Federboa und Wollmütze. Dabei
ist die Farbe rot und auch die Mützenform in der Darstellung eines Kurfürsten
von besonderer Bedeutung, erzählt Margit Grüll. Als eines der jüngsten
Mitglieder im Verein hat sie gerade erst die Prüfung abgelegt und ist gespannt
auf ihre erste Reisegruppe, die sie bald durch Nürnberg führen wird.
Nach fünf Stadtführungen auch noch relativ neu ist Ingrid Jourdant-Kammerer.
Mit einem tiefrotem Samtumhang, goldener Papp-Krone und glänzendem Reichsapfel
schlüpfte sie in die Rolle des Königs von Böhmen und späteren Kaiser Karl IV.
Er hat die Existenz des Hauptmarktes mitveranlasst und die »Goldene Bulle«, das
Grundgesetz des damaligen Reiches erlassen und ist somit seiner Geschichte nach
eine der wichtigsten Brunnenfiguren.
Die Idee mit den lebendigen Brunnenfiguren hatte Brunika Schönherr. »Der Schöne
Brunnen ist ein kollosales Gesamtthema, das nur gemeinsam erfassbar ist«, sagt
die Touristenführerin. Zum Jubiläum hat sie sich als »Anna von Sachsen«, der
Gemahlin von Albrecht Achilles, der am Schönen Brunnen den Kurfürst von
Brandenburg mimt, verkleidet. Da der Kurfürst im Krieg ist, muss sie ihn
vertreten, erzählt sie den Besuchern mit einem Augenzwinkern. Zur Verstärkung
hat sie deshalb ihren Bruder - der sowohl in der Geschichte als »Ernst Kurfürst
von Sachsen« vorkommt, als auch im echten Leben tatsächlich ihr Bruder Joachim
Weller ist - samt Frau mitgebracht. Die Drei haben sich stilecht
»mittelalterlich« in prächtige burgundische Trachten eines Kostümverleihs aus
Dresden gehüllt, denn das Ehepaar Weller war aus Sachsen zum Jubiläum
angereist.
Zu den vielen Gästen im Rahmen des Jubiläums gehörte auch Oberbürgermeister
Ulrich Maly. Er dankte den Stadtführerinnen und Stadtführern, dass sie durch
ihr Wirken als erste und wichtigste Botschafter der Stadt die Geschichte
Nürnbergs lebendig machen. Verkehrsdirektor Michael Weber war selbst in
Studentenzeiten als Stadtführer tätig. Er betonte vor allem die hohe Qualität
und Professionalität in der Arbeit des Vereins, die dem Tourismus und somit
auch dem Wirtschaftsgeschehen und auch den Gästen selbst zugute kommt.
In kleinen Sketchen ließen der Werkmeister und eine Marktfrau in rauschendem
Dialekt das damalige Geschehen auf dem Hauptmarkt Revue passieren, wohingegen
die Brunnenfiguren die Geschichte Nürnbergs lebendig erzählten - nicht ohne in
ihrer Eigenschaft als historische Wächter das jüngste moderne Kunstwerk rund um
den Schönen Brunnen als vermeintlichen »Sessellift zur Burg" auch ein klein
wenig zu parodieren.
Daniela Kaiser
Zum zehnjährigen Bestehen des Vereins der Stadtführer schlüpften einige Mitglieder in historische Gewänder und erzählten Passanten Geschichten von den Figuren des Schönen Brunnens. Foto: Sippel
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